In memoriam an das vor 250 Jahren erfolgte Aussterben der westslawischen, obodritisch-wendischen Sprache im Hannoverschen Wendland im Jahre 1756.

Werner Meschkank-Měškank, Cottbus/Chóśebuz, Niederlausitz/Dolna Łužyca, Deutschland (2.11.06)

„… die letzte von denen, die perfect Wendisch hat sprechen und singen können“

Veneti

Friedsame, gastfreundliche Wenden - und doch angefeindet

Tief beeindruckt von der Gastfreundschaft des obodritischen Wendenfürsten Pribislaw von Starigard (Oldenburg) hielt der deutsche Pfarrer und Chronist Helmold von Bosau (um 1120 - nach 1177) folgende Sätze fest, als er Bischof Gerold von Oldenburg (um 1100 - 1163) im Jahre 1156 bei dessen Besuch bei den obodritischen Wenden begleitete:
„Er nahm uns sehr freundlich auf und gab uns eine reichliche Mahlzeit. Zwanzig Gerichte belasteten die uns hingestellte Tafel. Da habe ich durch eigene Erfahrung kennengelernt, was ich zuvor nur vom Hörensagen wusste, dass kein Volk, was Gastlichkeit anlangt, ehrenwerter ist als die Slawen. Denn in Bewirtung der Gäste sind alle eines Sinnes und gleich eifrig, so dass niemand um eine gastliche Aufnahme zu bitten braucht. Was sie durch Ackerbau, Fischerei und Jagd erwerben, das geben sie mit vollen Händen hin ... Wenn aber einer, was jedoch sehr selten vorkommt, einem Fremden Aufnahme verweigert zu haben überführt wird, dessen Haus und Habe darf man niederbrennen, und alle stimmen in der Ansicht überein, dass der, welcher sich nicht scheut, einem Fremden Brot zu versagen, verrufen sei und gemein und verdiene von allen geschmäht zu werden." (1)

Quelle (1): zit. nach: Otto Vitense „Geschichte von Mecklenburg", Gotha, 1920; Reprint im Weltbild Verlag, Augsburg, 1994, S. 21

Einige Jahrhunderte später, als das einst sehr große wendische Gebiet zwischen Ostsee und Mittelgebirge mit Ausnahme der Lausitz längst deutsch geworden war, resümierte der evangelische Theologe, Philosoph und Dichter Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) in Weimar 1784 über die Wenden:
„In Deutschland trieben sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Gießen der Metalle, bereiteten das Salz, verfertigten Leinwand, braueten Met, pflanzten Fruchtbäume und führeten nach ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildtätig, bis zur Verschwendung gastfrei, Liebhaber der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und gehorsam, des Raubens und Plünderns Feinde. Alles das half ihnen nicht gegen die Unterdrückung; ja es trug zu derselben bei. Denn da sie sich nie um die Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegssüchtige erbliche Fürsten unter sich hatten und lieber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit Ruhe bewohnen konnten, so haben sich mehrere Nationen, am meisten aber die vom deutschen Stamme, an ihnen hart versündigt. Schon unter Karl dem Großen gingen jene Unterdrückungskriege an, die offenbar Handelsvorteile zur Ursache hatten, ob sie gleich die christliche Religion zum Vorwande gebrauchten, denn den heldenmäßigen Franken mußte es freilich bequem sein, eine fleißige, den Landbau und Handel treibende Nation als Knechte zu behandeln, statt selbst diese Künste zu lernen und zu treiben. Was die Franken angefangen hatten, vollführten die Sachsen; in ganzen Provinzen wurden die Slawen ausgerottet oder zu Leibeigenen gemacht und ihre Ländereien unter Bischöfe und Edelleute verteilet ... ihre Reste in Deutschland sind dem ähnlich, was die Spanier aus den Peruanern machten." (2)

Quelle (2): zit. nach: Johann Gottfried Herder „Ihr so tief versunkene, einst fleißige und glückliche Völker", Weimar 1784, in: Hartmut Zwahr „Meine Landsleute. Die Sorben und die Lausitz im Zeugnis deutscher Zeitgenossen. Von Spener bis Pieck." Domowina Verlag, Bautzen, 1984, S. 70

Unter dem Vorwand, die slawischen, heidnischen Nachbarn christlich missionieren zu wollen, hatte der deutsche Feudalstaat zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert in grausam geführten Wendenkreuzzügen alle elbslawischen Stämme unterworfen, die so, im Gegensatz zu anderen Slawenvölkern, die Christianisierung überwiegend als gewaltsamen Akt erfuhren. Die Kriegsführung war ganz offensichtlich alles andere als „christlich". Viele, zumeist von nichtslawischen, d.h. deutschen und dänischen Chronisten überlieferten Nachrichten bezeugen dies. Der Mönch Widukind von Corvey (um 925 - nach 973) berichtet über einen Wendenkreuzzug im Jahre 955 unter Otto I. (912 - 973) und Gero (um 900 - 965) gegen den obodritischen Slawenfürsten Stojgnew (um 910 - 955) im östlichen Mecklenburg:
„Und so führte er, alles verheerend und verbrennend, das Heer durch jene Gebiete. An demselben Tage wurde das Lager der Feinde genommen und viele Menschen getötet oder zu Gefangenen gemacht, und das Morden währte bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen wurde das Haupt des Slawenfürsten Stojgnew auf freiem Feld aufgestellt; ringsum wurden 700 Gefangene enthauptet. Dem Ratgeber Stojgnews wurden die Augen ausgestochen, die Zunge herausgerissen, und dann ließ man ihn hilflos zwischen den Leichen liegen."(3)

Quelle (3) zit. nach: Peter Kunze "Durch die Jahrhunderte" Domowina Verlag, Bautzen, 1979, S. 24 - 26

In eine Magdeburger Chronik wurde um 1147 eingetragen, die Wenden seien "... entweder dem Christentum zu unterwerfen, oder mit Gottes Hilfe vollständig zu vernichten." (4)

Quelle (4): zit. nach: Joachim Herrmann, Autorenkollektiv "Die Slawen in Deutschland" Akademie-Verlag ,Berlin 1985, S. 388

Auf allen Feldzügen gegen die heidnischen Wenden „war keine Rede von Christentum, sondern nur vom Gelde" (5), vermerkt indes der deutsche Pfarrer Helmold von Bosau (um 1120 - nach 1177) in seiner um 1170 entstandenen „Slawenchronik" kritisch über die Wendenkreuzzüge Herzog Heinrich des Löwen (1129 - 1195).

Quelle (5): zit. nach: Joachim Herrmann, Autorenkollektiv "Die Slawen in Deutschland", Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 388

„Seit Karls des Großen Zeit waren die Apostel der Religion und der Liebe unseren Slawen nur als Vorposten der feindlichen Heere erschienen, und für sie war das Christentum in der Tat gleichbedeutend mit Sklaverei" (6), beurteilte der deutsche Historiker und Archiv-Sekretär Wilhelm Gottlieb Beyer 1848 die Christianisierung der wendischen Länder östlich der Elbe und Saale.

Quelle (6) zit. nach: Joachim Herrmann, Autorenkollektiv "Die Slawen in Deutschland", Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 323

Mit der Unterwerfung und Christianisierung war die Unterdrückung der Slawen nicht beendet. Der eingangs genannte Wendenfürst Pribislaw von Starigard (Oldenburg), der sich mit seinen Landsleuten hatte taufen lassen, beklagte sich darüber anlässlich des bereits erwähnten Besuchs des deutschen Bischofs Gerold von Oldenburg (um 1100 - 1163) im Jahre 1156. Landpfarrer und Chronist Helmold von Bosau (um 1120 - nach 1177), der seit 1156 die christliche Gemeinde im ostholsteinischen Dorf Bosau am Plöner See seelsorgerisch betreute, hielt die folgende Szene im obodritisch-wendischen Lübeck fest:
„Am folgenden Sonntage kam die ganze Landgemeinde auf dem Markt von Lübeck zusammen; der Bischof erschien und hielt eine mahnende Rede an das Volk, die Götzen zu lassen und den einen Gott zu verehren, der im Himmel ist, die Taufe zu empfangen und den schlimmen Taten, dem Raub und dem Mord an Christen zu entsagen. Als er zu Ende gesprochen hatte, sagte Pribislaw, aufgefordert von den Übrigen: ´Deine Worte ehrwürdiger Bischof, sind Worte Gottes und dienen unserem Heil. Wie aber sollen wir, in solchen Übeln befangen, diesen Weg antreten? Damit du unsere traurige Lage begreifen kannst, höre meine Worte geduldig an; das Volk, das du vor dir siehst, ist dein Volk, und wir legen dir zu Recht unsere Not vor. Bei dir wird es dann stehen, mit uns Mitleid zu haben. Unsere (deutschen) Landesherren gehen nämlich mit solcher Strenge gegen uns vor, dass uns vor Steuern und härtester Knechtschaft der Tod besser als das Leben erscheint. Sieh, in diesem Jahr haben wir Bewohner dieses kleinen Winkels dem Herzog volle 1000 Mark gezahlt, ferner dem Grafen hundert gleicher Münze, und noch immer kommen wir nicht davon, sondern werden täglich gepresst und bedrängt bis aufs Äußerste. Wie sollen wir uns denn diesem neuen Glauben öffnen, dass wir Kirchen bauen und die Taufe empfangen, wenn uns täglich Vertreibung droht? Hätten wir noch einen Ort, zu dem wir flüchten könnten. Doch gehen wir über die Trave, so herrscht dort gleiches Elend und kommen wir an die Peene, so steht es da ebenso. Was bleibt uns also, als dass wir das Land verlassen, aufs Meer fahren und in den Wogen wohnen? Welche Schuld trifft uns, wenn wir landesvertrieben die See unsicher machen und von Dänen oder Kaufleuten, die das Meer befahren, unseren Unterhalt nehmen? Wird das nicht die Schuld der Fürsten sein, die uns dazu treiben? ... Wenn es dem Herrn Herzoge und dir richtig scheint, dass wir eines Glaubens mit dem Grafen sind, so sollte man uns auch die Rechte der Sachsen an Gütern und Einkünften geben; dann werden wir gern Christen sein, Kirchen bauen und unseren Zehnt zahlen." (7)

Quelle (7) zit. nach: Joachim Herrmann; Autorenkoll. „Welt der Slawen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur" Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin, 1986, S. 286

Die sorbisch-wendischen Stämme unterlagen bereits im 10. Jahrhundert der Gewalt deutscher Eroberer. Die obodritischen und lutizischen Wenden hatten sich aber durch den Großen Slawenaufstand von 983 nochmals für fast zwei Jahrhunderte von der Fremdherrschaft befreien können und verloren erst im 12. Jahrhundert endgültig ihre Unabhängigkeit. Es war die mächtigste Erhebung der unterworfenen Slawen, durch die es vielen Stämmen gelang, ihre politische Unabhängigkeit vorübergehend zurück zu gewinnen. Ein Obodritenreich und der Lutizenbund wurde gegründet. Nach der Tötung des obodritischen Wendenfürsten Niklot von Schwerin (um 1125 - 1160) im Jahre 1160 und einem misslungenen Aufstand 1163/64 wurden die letzten freien Elbslawen von Herzog Heinrich dem Löwen (1129 - 1195) unterworfen und nahmen das Christentum an. 1168 mit dem Fall der Lutizenfestung Arkona endeten dann vier Jahrhunderte blutiger Wendenkreuzzüge auf dem Territorium des heutigen Deutschlands.
Nach der Einverleibung der elbslawischen Gebiete durch den deutschen Feudalstaat zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert setzte ein rasch voranschreitender Germanisierungs- und Assimilierungsprozess ein. Das Land der Obodriten und Lutizen war stark verwüstet, die Bevölkerung dezimiert bzw. zum Teil wurde sie vertrieben oder war vor der Gewalt und den Grausamkeiten der einfallenden dänischen und deutschen Heere geflohen. Letzteres ist vermutlich der Hintergrund dafür, dass selbst in Gegenden weit westlich des gehäuften Vorkommens slawischer Ortsnamen, in den so genannten alten deutschen Bundesländern vielerorts die Wenden-Begrifflichkeit zu finden ist. Als Beispiel dafür seien hier die bis heute existierende Wendenstraße und das Haus Wenden im Altstadtkern von Hameln (Niedersachsen) angeführt.
In der Regel wurden die slawischen Bauern als Besiegte, Unterworfene, Minderwertige angesehen und behandelt, waren oftmals sogar Leibeigene und bildeten damit die weitgehend rechtlose, unterste soziale Schicht der Bevölkerung. Eine mittelalterliche Rechtssprechung, der so genannte „Sachsenspiegel", der noch im 13. Jahrhundert grundsätzlich das Recht auf die Geburtssprache als Verhandlungssprache vor Gericht verbriefte, schränkte dies für die wendische Bevölkerung ein. Wenden, die vor Gericht einmal deutsch gesprochen hatten, durften ihre Muttersprache dort dann nicht mehr benutzen. Außerdem wurden rechtliche Unterschiede festgeschrieben, darunter die Bestimmung, "kein Sachse möge eines Wenden Urteil erleiden". Die Rechtsschrift gibt auch in 24 Bildern die Gliederung der damaligen Gesellschaft wieder: Sie beginnt mit Gott, an dessen Seite Papst und Kaiser knien und je ein Schwert empfangen, und sie endet mit dem unfreien sächsischen Bauern, dem Wenden, der Wendin und einem gefesselten Juden.
Auch durch etwa seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ergangene, so genannte „Wendenparagraphen" wurden vielerorts rechtliche Nachteile für die einheimische slawische Bevölkerung gegenüber den ins Land gerufenen nichtslawischen Zuzüglern festgeschrieben. Sozialer Aufstieg war zumeist allein mit dem Übergang zum Deutschen zu erreichen, das heißt mit der Annahme der deutschen Sprache und Kultur bei Aufgabe der slawischen Sprache und Sitten. Der ständige gegenwärtige Assimilationsdruck bewirkte, dass im 14. und 15. Jahrhundert in fast allen wendischen Gebieten der Gebrauch der slawischen Sprache stark zurückging und das Slawische schließlich ausstarb. Selbst in so relativ isolierter Lage wie Rügen starb das Lutizisch-Wendische offensichtlich spätestens bereits im 15. Jahrhundert aus. Der pommersche Historiograph Thomas Kantzow (1505 - 1542) berichtet für das Jahr 1405 vom Tode der letzten slawisch sprechenden Frau auf Rügen:
"Und umb diese Zeit //1405// soll eine alte Frau, die Gulitzin geheissen, auf dem Lande zu Rugen gestorben sein, welche die letzte da im Lande gewest, die wendisch hat gekonnt. Denn obwohl das Land lengst bereit gar teutsch gewest, sind dennoch bisher noch etliche Wenden geplieben, die sobald nicht haben undergehen konnen. Itz aber von dieser zeit an ist Pommern und Rugen gar teutsch und sechsisch, und ist kein Wend mehr darinne, ausgenommen an einem Orte in Hinterpommern nach Preußen und Polen werts, da noch etliche Wenden und Kassuben sind; aber doch konnen sie gemeinlich teutsch darneben." (8)

Quelle (8) Thomas Kantzow "Pomerania. Eine pommersche Chronik aus dem sechszehnten Jahrhundert." Herausgeber G. Gaebel, Stettin, 1908, Bd. I, S. 316

Die letzten obodritischen Wenden
Lediglich im Hannoverschen Wendland war schließlich noch - neben dem kompakten sorbischen Sprachgebiet in der Lausitz - eine slawischsprachige, obodritisch-wendische Sprachinsel verblieben, die bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts existierte.
Doch geriet auch sie letztlich ins Visier germanisierender Obrigkeit. Für das Jahr 1669 gibt es ein interessantes Zeugnis zur wendländischen sprachlichen Situation in einem Protokoll der Kirchenvisitation, in dem es beispielsweise für das wendische Rundlingsdorf Satemin heißt: „Die alten Leute, weil sie wendisch, verstehen nicht die deutsche Sprache, will geschweigen den Catechismum." In einem weiteren Dokument aus dieser Zeit, das Wendendorf Breese betreffend steht zu lesen: „Pastor berichtet, dass die Leute daherumb wendisch wehren, und die deutsche Sprache nicht recht verstunden, wenn er den wendischen Catechismum hette und verstunde, wolte er es besser vormachen." (9)

Beide Quellen (9) zit. nach Reinhold Olesch „Zum Dravänopolabischen im Hannoverschen Wendland" in: „Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht", herausgegeben von Roderich Schmidt, Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1992, S. 98.

In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts ist ein aus wendischer Sicht tragisches Interesse deutscher kirchlicher und staatlicher Instanzen für die Gegebenheiten im Wendland zu verzeichnen. 1671 wurden in den Ämtern Dannenberg, Lüchow, Hitzacker, Wustrow und Scharnebeck im Auftrage des Herzogs Georg Wilhelm von Celle (1624 - 1705) durch den Obersuperintendenten Joachim Hildebrand Kirchenvisitationen vorgenommen. In dem herzoglichen Schreiben heißt es, die wendische Bevölkerung deutlich diskriminierend: „Von der in Wustrow, Lüchow, und anderer der Orten gesessenen Wenden unvernünftigen gewohnheiten und gottlosen Leben, insbesonderheit in anstellung gewisser sauffmahl, seyn mehrmalig an Unsere Regierung Klagen gebracht worden ... So werdet ihr die Pastorens anweisen, dass sie die Unterthanen zu abstellung solcher Gottlosen mißbräuche fleißig ermahnen." (10)

Quelle (10) zit. nach Reinhold Olesch „Zum Dravänopolabischen im Hannoverschen Wendland" in: „Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht", herausgegeben von Roderich Schmidt, Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1992, S. 98.

Obersuperintendent Joachim Hildebrand informiert generell diffamierend „Von der Wenden Leben ins gemein" und schreibt: „Wie liederlich sie in den Tag hineinleben. Ihre größte Weltlüst ist freßen und sauffen. Mit freßen und sauffen werden sie gebohren, in freßen und sauffen werden sie erzogen, freßen und sauffen ist ihr alles all, biß sie mit freßen und sauffen in der schwartzen erde verscharret werden. Endlich ist freßen und sauffen ihr erstes, ihr letztes ihr aller bestes ..." (11)

Quelle (11) zit. nach Reinhold Olesch „Zum Dravänopolabischen im Hannoverschen Wendland" in: „Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht", herausgegeben von Roderich Schmidt, Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1992, S. 98.

Die beabsichtigte Zurückdrängung der wendischen Sprache im Wendland bzw. in der Drawehn genannten slawischsprachigen Region mitten in Deutschland und ihr schließliches Verbot durch den Dannenberger Oberhauptmann Georg Wilhelm Schenk von Winterstedt (1635 - 1695) hatte bei den Wendländern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einen extremen Identitätsverlust zur Folge. Sie schämten sich lange, Wenden zu sein. Innerhalb einer Generation nach Verunglimpfung und Sprachverbot - der Erlass des Dannenberger Oberhauptmanns hat sich leider trotz eifrigen Suchens bisher nicht auffinden lassen - wurde die Substanz des Wendischen so nachhaltig geschädigt, dass der Wustrower Amtsmann Georg Friedrich Mithoff (1638 - 1691), mit dessen Namen der Wendenerlass gegen diese unschuldige regionale Sprache ebenfalls verbunden war, bereits im Jahre 1691 große Mühe hatte, jemanden zu finden, um für den sprachwissenschaftlich interessierten deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) das wendische Vaterunser aufzuzeichnen. Mithoff teilte u. a. mit: „... so hat man meines wißens keine Bücher in der wendischen Sprache, auch sonst keine alte schrifftliche nachrichtungen, wie dann diese sprache nunmehro sehr abzunehmen beginnet, dahero auch, wie fleißig mich gleich bemühet, vor Erst niemandt antreffen können, welcher uff die 7te Frage, wie nemlich ihr Vater unser Lante, zu dienen undt das Vater unser in den wendischen Sprache außzusprechen gewußt. Endlich aber ist es mir Communiciret." (12)

Quelle (12) „Schreiben des Lüchower Amtmanns Georg Friedrich Mithoff an den Hofrat Chilian Schrader in Celle vom 17. (27.) Mai 1691" in: Reinhold Olesch „Fontes linguae dravaeno-polabicae minores et Chronica Venedica J. P. Schultzii", Böhlau-Verlag Köln Graz, 1967, S. 52.

Der sprachenfeindliche Todesstoß gelang offenbar deshalb so gründlich, weil die junge Generation gegen ihre eigene slawische Identität voreingenommen werden konnte und der wendischen Sprache der Vorfahren eine große Abneigung entgegenbrachte. Im Jahre 1711 hielt der Wustrower Pfarrer Christian Hennig von Jessen (1649 - 1719) fest:
„Jeziger Zeit reden hier herum nur noch einige von den Alten Wendisch, und dürffen es Kaum vor ihren Kindern und andern jungen Leüten thun, weil sie damit ausgelachet werden: Gestalt diese, die Jungen, einen solchen Eckel für ihre Mutter-Sprache haben, daß sie sie nicht einmal mehr hören, geschweige denn lernen mögen. Dahero unfehlbar zu vermuthen, daß innerhalb 20. zum Höchsten 30. Jahren, wenn die Alten vorbey, die Sprache auch wird vergangen seyn, und mann so dann kein Wend mehr in seiner Sprache alhier wird zu hören kriegen, wenn mann gleich viel Geld drum geben wolte." (13)

Quelle (13) Christian Hennig von Jessen „Vocabularium Venedicum", Nachdruck, besorgt von R. Olesch, Böhlau-Verlag Köln Graz, 1959, S. 33.

Pastor Hennig konnte froh sein, dass er in dem Bauern Johann Janieschge (gestorben 1710) aus Klennow einen willigen muttersprachlichen Wenden für sein Vocabularium Venedicum gefunden hatte, der das Drawehnische noch in vollem Maße beherrschte. Hennigs erstes Buch über die Wenden war indes 1691 bei einem Brand vernichtet worden, danach begann er ein neues zu schreiben, das 1711 abgefasst wurde. Bis dahin hatte sich die Sprachsituation weiter deutlich verschlechtert, auch die Stimmung, denn Hennig berichtet über wendische Befindlichkeiten:
„Die nachher den Studiis sich gewidmet, und entweder von Väterlicher oder Mütterlicher Seiten, oder auch von beyden, wendisches Herkommens gewesen, haben sich deßen mit Fleiß enthalten, um sich nicht zu verrathen, daß sie Wendisches Geblüts, welches sie, ihnen schimpfflich haltend, bey Frembden möglichster maßen verhelet." (14)

Quelle (14) Christian Hennig von Jessen „Vocabularium Venedicum", Nachdruck, besorgt von R. Olesch, Böhlau-Verlag Köln Graz, 1959, S. 33.

Zu den Schwierigkeiten, das wendländische Wendisch aufzuzeichnen, schreibt Hennig weiter: „Es ließ sich zwar sehr schwer an, und schiene, als ob ich eine ganz vergebliche Arbeit fürgenommen. Denn erstlich wollte mir keiner von den Wenden gestehen daß er noch was davon wüste aus Sorge, meine Nachfrage würde auf einen Spott und ihre Verhönung hinaus lauffen." (15)

Quelle (15) Christian Hennig von Jessen „Vocabularium Venedicum", Nachdruck, besorgt von R. Olesch, Böhlau-Verlag Köln Graz, 1959, S. 34.

Und: „... wenn die Teütsche einen hören Wendisch sprechen, haben sie mit Fingern auf Ihn gewiesen und ihren Spott mit ihm getrieben: Weßwegen ein steter Haß unter ihnen entsprungen, der sich auch noch nicht gäntzlich gelegt; obgleich dieses Orts kein groß Wunder mehr draus gemacht wird, wenn beyderley Nationen, Teütsche und Wende, sich untereinander verheyrathen." (16)

Quelle (16) zit. nach: Dietrich Gerhardt „Johann Parum Schultze, der Chronist des Wendlandes" in: „Johann Parum Schultze 167 - 1740 ein wendländischer Bauer und Chronist", Selbstverlag des Heimatkundlichen Arbeitskreises, Lüchow 1989, S. 21.

Im Jahre 1724 schrieb der drawehnische Gastwirt und Dorfschulze aus Süthen, Johann Parum Schultze (1677 - 1740), in seine „Wendlandchronik":
„Ich bin ein Mann von 47 Jahren. Wenn mit mir und denn noch drey Personen es vorbey ist in unserem Dorf, alsdann wird wohl niemand recht wissen, wie ein Hund auf Wendisch genannt wird." (17)

Quelle (17) zit. nach „Die Wendlandchronik des Dorfschulzen Johann Parum Schultze", Volkstümlich gekürzte Ausgabe nach der Edition von Reinhold Olesch auf der Grundlage der Ossolineum-Handschrift, herausgegeben von Karl Kowalewski, Alte-Jetzel-Buchhandlung und Verlag GmbH 1991, S. 99.

Wir wissen davon aus der 1794 durch den polnischen Grafen Jan Potocki (1761 - 1815) gefertigten, unvollständigen Abschrift, die sich im Ossolineum-Institut der Universität Wrocław befindet. Das Original der Wendlandchronik ist seit 1856 verschollen, letztmalig bezeugt ist sein Vorhandensein in Süthen im Wendland für das Jahr 1855.
1751 schreibt ein anonymer Reisender in den „Hannoverschen Gelehrten Anzeigen": „Jetzo findet man gar keinen mehr in dieser Gegend, der das Wendische reden kann." (18)

Quelle (18) zit. nach Reinhold Olesch „Zum Dravänopolabischen im Hannoverschen Wendland" in: „Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht", herausgegeben von Roderich Schmidt, Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1992, S. 102.

Er schildert des weiteren die Auswirkungen der jahrelangen intensiven Diskriminierung des Wendischen: „... die jetzigen Einwohner haben einen großen Abscheu für den Wenden. Im Dannenbergschen saget man, die Wenden hätten im Lüchauischen gewohnet, und diese geben jene Gegend an. Ihr Abscheu wird dadurch vermehret, weil sie sich des Sprichworts bedienen: Der Wende ist keinem Deutschen getreu. Keiner von den Einwohnern dieser Ämter will ein Wende seyn, und sie sind es doch. So viel ist indes gewiß: soll eine schlechte verstümmelte Sprache bey diesem Zwiste den Ausschlag geben, so verdienen die Einwohner im Amte Lüchau noch den Namen der Wenden." (18a)

Quelle (18a) zit. nach Dietrich Gerhardt „Johann Parum Schultze, der Chronist des Wendlandes" in: „Johann Parum Schultze 1677 - 1740 ein wendländischer Bauer und Chronist." Lüchow, Selbstverlag des Heimatkundlichen Arbeitskreises, 1989.

1756 verzeichnet eine Amtsakte in Wustrow den Tod der 88jährigen, in Dolgow gebürtigen Emerentz Schultze, geborene Drausmann (1668 - 1756). Mit ihr erlosch die obodritisch-wendische Sprache im Drawehn: „Diese alte Wittwe ist die letzte von denen, die perfect Wendisch hat sprechen und singen können, daher sie auch vor ihre Königliche Majestät unseren allergnädigsten Landesherren zur Görde hat erscheinen müßen, üm diese Sprache aus ihrem Munde zu hören." (19)

Quelle (19) zit. nach "De Kennung" Zeitschrift für plattdeutsche Gemeindearbeit, Andresen a.d., esprint Druckerei und Verlags GmbH & Co.KG Bücher und Zeitschriftendruck, Heidelberg, 1988, S. 104.

Spätes Interesse nach dem Sprachentod
Der Lüchower Landphysikus Johann Heinrich Jugler (1758 - 1812), der sich sehr für das Drawehnische interessierte, aber damit zeitlich zu spät kam, suchte und fand nur noch einiges an schriftlichem Material, aus dem er dann ein Lüneburgisch-wendisches Wörterbuch zusammenstellte. Er berichtet, dass 1798 ein Wende namens Warratz aus Kremlin gestorben sei, der noch das wendische Vaterunser habe sprechen können. Ob dieser es indes auch verstanden habe, ist eher zweifelhaft. Er kann es allerdings durchaus noch von der letzten Generation der Wendischsprecher gelernt haben. (In der Lausitz gibt es einzelne ähnlich gelagerte Fälle, wo die Großelterngeneration der Enkelgeneration Wendischsprachiges beibrachte.)
Da von der Wissenschaft das Slawische im Drawehn erst im 17. Jahrhundert entdeckt wurde, als es sich bereits im Aussterben befand, konnten von der in Auflösung befindlichen Sprache und dem Brauchtum nur noch bescheidene Relikte erfasst werden. Es gilt als sicher, dass die drawehnische Sprache kurz nach der Mitte des 18. Jahrhundert ausgestorben ist. Nach dem Sprachentod gab es aber noch über mehrere Generationen im Drawehn ein „Nachschwingen" wendischer Befindlichkeiten.
So bereiste im Juli des Jahres 1865 Georg V. (1819 - 1878), der letzte hannoversche König, das Hannoversche Wendland. An den neun Tagen der Reise wurde er an insgesamt 45 Ehrenpforten und Ehrenbögen festlich empfangen. Die Berichte sind geradezu schwärmerisch gehalten. Schon am ersten Tag wurde der (als Kind 13jährig durch einen Unfall erblindete) König mit einem Spruch an der Ehrenpforte begrüßt, die verlautete: „Ein herzlich Willkomm im Wendischenland, das durch Treue und Liebe zum Herrscher bekant." (20)

Quelle (20) zit. nach Erich Kulke „Damals im Hannoverschen Wendland. Der Königsbesuch 1865. Das Fotoalbum der Wendlandbauern 1866", Köhring Verlag, Lüchow, 1990, S. 23.

Bei mehreren weiteren Gelegenheiten wurde ausdrücklich auf das Wendische hingewiesen: Die ländliche Bevölkerung einiger Orte, so auch an der Grenze des Amtes Lüchow, begrüßte ihn in wendländischen Festtrachten, auf den Ehrenpforte stand „Willkommen im Wendland". Vor einer Buchhandlung in Lüchow zeigte man eine Girlande mit einem Vers: „Dem König Heil! So ruft der Stamm der Wenden, und freudig stimmen wir auch heute laut mit ein: Der Herr des Himmels möge dir stets spenden den ganzen Segen, der allein nur Sein; damit Du auch in spätern Jahren dies Land kannst noch mit Dampf befahren." In Lüchow begrüßte ihn unter anderem „ein Zug Bauernmädchen in der wendischen Nationaltracht, geführt von einem Geistlichen". (21)

Quelle (21) zit. nach Erich Kulke „Damals im Hannoverschen Wendland. Der Königsbesuch 1865. Das Fotoalbum der Wendlandbauern 1866"
Köhring Verlag, Lüchow, 1990, S. 36 u. S. 55.

Im Dorf Güstritz fand ein Bauerntag statt, auf dem der Amtsrichter von Dossak in seiner Ansprache u. a. betonte, auf „die Flachs- und Leinenproduktion als einem der bedeutendsten Industriezweige des Wendlandes" verweisend:
„Euer Majestät werden dadurch hoffentlich ... die Überzeugung gewinnen, das die Wenden nicht Allen traue Unterthanen und tapfere Soldaten sondern auch tüchtige und fleißige Landwirthe sind, und das daß Wendland auch in dieser Beziehung wahrlich keinen der geringsten Edelsteine in Euer Majestät Krone bildet." (22)

Quelle (22) zit. nach Erich Kulke „Damals im Hannoverschen Wendland. Der Königsbesuch 1865. Das Fotoalbum der Wendlandbauern 1866"
Köhring Verlag, Lüchow, 1990, S. 45.

Dem Königsbesuch verdanken wir eine exzellente Fotoserie. Unter den insgesamt 75 Fotografien sind einige Aufnahmen mit den ältesten Wiedergaben der kostbaren Trachten der Wendlandbäuerinnen.
1866 überreichte eine Deputation aus zehn Wendlandbauern für ihren dann schon im Exil lebenden König Georg V. zum Weihnachtsfest ein Fotoalbum, das ihm nach Wien übersandt wurde. Es enthält 42 Aufnahmen, u. a. 34 aus drawehnischen Rundlings- und Rundangerdörfern und eine schriftliche Widmung, es sei „ein Liebeszeichen aus dem Land der Wenden!" So entstand ein erstrangiges Zeitdokument der bäuerlichen Bauüberlieferungen des Wendlandes, ein heute unersetzliches Dokument für die Rundlingsforschung, das wir ebenfalls dem Königsbesuch von 1865 verdanken.
Nebenbei erwähnt war König Georg V. einziger Sohn des Herzogs Ernst August von Cumberland (1771 - 1851) und seiner Gemahlin Herzogin Friederike zu Mecklenburg, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz (1778 - 1841). Seine Mutter entstammt der XX. Generation der III. Dynastie des Hauses Mecklenburg, d.h. der berühmte obodritische Wendenfürst Niklot (gefallen 1160) war direkter Vorfahre, was aber wohl niemandem der Wendlandbauern bekannt gewesen sein dürfte.
1905 fand die letzte drawehnisch-obodritisch-wendische Bauernhochzeit statt, die allerdings keine echte, sondern eine dargestellte war. Interessanterweise sollen bei einer Volkszählung zwischen den Weltkriegen noch etwa 500 Personen im Kreis Lüchow-Dannenberg auf die Frage nach Volkszugehörigkeit „wendisch" angegeben haben.
Es gibt heute noch Personen, die sich als Nachkommen der Obodriten fühlen (vor allem die Angehörigen der Adelshäuser Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg-Schwerin). Vor etwa zehn Jahren, kurz nach der politischen Wende, wurde auf eine Nachricht in einer bunten Illustrierten aufmerksam gemacht, ein Adliger aus dem Haus Mecklenburg-Strelitz, habe mit seinem Sohn Herzog Borwin (* 1956) wieder Wohnrecht in seiner mecklenburgischen Geburtsstadt Mirow erhalten. Auf Anfrage, was ihn zur Namensgebung eines wendischen Namens für seinen Sohn veranlasst hatte, antwortete mir SH Herzog Georg Alexander zu Mecklenburg-Strelitz (1921 - 1996):
„Der Name meines Sohnes Borwin ist ein sehr alter Vorname des Hauses Mecklenburg. Schon der Enkel unseres Vorfahren Niklot hieß Heinrich Borwin. Das Haus Mecklenburg, sowohl die Schweriner wie auch die Strelitzer Linie, sind Obodriten. Wir sind also das einzige Wendische Haus Deutschlands. So wie andere Häuser Hohenzollern, Wittelsbacher, Wettiner, Zähringer usw. heissen, sind wir Obodriten ..." (23)

Quelle (23) Persönlicher Brief SH Herzog Georg Alexander zu Mecklenburg-Strelitz aus der Stadt Mirow im Mecklenburg an Werner Meschkank in Cottbus, vom 10.01.1984.

Veneti
Wappen der obodritisch-wendischen Adelsfamilie Mecklenburg-Strelitz, die vom berühmten Wendenfürsten Niklot von Schwerin abstammt (der Slawenfürst Niklot fiel im Jahre 1160 in der Wendenkreuzzugszeit im Kampf gegen Krieger des deutschen Königs Heinrich des Löwen); der deutsche Historiker Otto Vitense schreibt über Niklot im Buch „Geschichte von Mecklenburg" (1920): „Die Kraft des Wendentums zu erhalten, betrachtete er als seinen Beruf. ... Er ist und bleibt der Nationalheld des wendischen Volkes ..."

Wopon obodritskeje zemjańskeje familije Mecklenburg-Strelitz, kótaraž póchada wót sławnego obdritskego wjercha Niklota Zwěrinskego (słowjański wjerch Niklot jo padnuł w lěśe 1160 w kśicnych wójnach pśeśiwo wójakam nimskego krala Hendricha lawa); wó Niklośe pišo stawiznaŕ Otto Vitense w knigłach „Geschichte von Mecklenburg" (1920): „Die Kraft des Wendentums zu erhalten, betrachtete er als seinen Beruf. ... Er ist und bleibt der Nationalheld des wendischen Volkes ..."

Eine genauere Untersuchung würde vermutlich mehrere Dutzend Personen erbringen, die von den obodritischen Slawenfürsten abstammen und denen dies durchaus auch bewusst ist! SH Herzog Georg Alexander zu Mecklenburg-Strelitz schreibt in einem späteren Brief aus Mirow: „Natürlich wissen die echten Mecklenburger über ihre wendische Abstammung und die vielen Ortsnamen weisen auch darauf hin, aber ein wendisches Bewusstsein habe ich nie erlebt. Aber ich habe eine Ahnentafel von Johann Hübners, geschrieben 1725, der mit seiner Genealogie unseres Hauses bis auf Anthyrius König der Wenden 320 vor Ch. anfängt. Da damals kaum Schriftstücke überliefert wurden, basiert [dies - W.M.] wohl auf Sagen, Überliefertes usw. - also nicht authentisch, aber interessant. Es geht herunter bis auf das Entstehen der Strelitzer Linie." (24)

Quelle (24) Persönlicher Brief SH Herzog Georg Alexander zu Mecklenburg-Strelitz aus der Stadt Mirow im Mecklenburg an Werner Meschkank in Cottbus, vom 08.05.1984.

Zu den Forschern, die sich für die drawehnischen Sprachrelikte interessierten und deren Wirken wir sehr wertvolle Aufzeichnungen verdanken, gehörte auch der sorbische Gymnasiallehrer, Volkskundler und Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Ernst Mucke (1854 - 1932). Letzterer analysierte um die Jahrhundertwende auf sprachwissenschaftlicher Grundlage das erhalten gebliebene elbslawische namenkundliche Material.
Nach dem 2. Weltkrieg haben sich mehrere Slawisten eingehend mit der wendischen Sprache der Drawehnen befasst. Einige sollen die Sprache sogar erlernt haben, doch sind sie inzwischen verstorben. Umfassende Forschungen zum Drawehnopolabischen verdanken wir Prof. Dr. Reinhold Olesch (1910 - 1990), einem bis 1952 in Greifswald und Leipzig wirkenden Slawisten und Philologen, der dann zwischen 1953 und 1975 an der Universität in Köln arbeitete und wiederholt auch zum Drawehnischen forschte und publizierte. Er überraschte u.a. die Teilnehmer des Slawistenkongresses 1973 in Warschau, als er dort seinen Vortrag in drawehnischer Sprache hielt. Der in den 80er Jahren herausgegebene „Thesaurus Linguae Draveanopolabicae" in 4 Bänden ist eines der herausragenden Resultate von Oleschs mehrjähriger Arbeit auf diesem Gebiet.
Das "Vocabularium Venedicum" des Wustrower Pastors Christian Hennig (1649 - 1719) und die 310 Seiten umfassende "Wendlandchronik" des Süthener Dorfschulzen Johann Parum Schultze (1677 - 1740) sind die bedeutendsten Quellen über die Sprache der Drawehnopolaben. Das Original der Hennigschen Schrift befindet sich in der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover. 1959 wurde es von Reinhold Olesch im Böhlau Verlag als Nachdruck veröffentlicht, um das Original vor ungünstigen Zufällen zu sichern und der Forschung wieder zugänglich zu machen.
Das Original der Wendlandchronik von Johann Parum Schultze ist seit 1856 verschollen und nur in einer Abschrift erhalten (durch den polnischen Grafen Jan Potocki). Es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch irgendwo existiert und wieder auftaucht.
Drawehnische Bücher oder Schriften hat es nicht gegeben, lediglich einiges an Aufzeichnungen von Texten, Redewendungen, Gebeten und Wörtersammlungen wurde uns überliefert.
Einzelne drawehnische Wörter sind leicht verständlich, wenn man andere slawische Sprachen versteht. Besonders, bezüglich der oft zitierten Aussage von Johann Parum Schultze (dass nach seinem Tode niemand mehr wissen werde, wie ein Hund auf Wendisch genannt wird) kann jeder Niedersorbe sein muttersprachliches Wort "pjas" entgegenhalten, das eben drawehnisch und niedersorbisch absolut gleich lautet!
Einige weitere Wortbeispiele im Vergleich:

drawehnisch - niedersorbisch - obersorbisch - polnisch - deutsch
bytchian - bośon - baćon - bocian - Storch
wórble - wrobel - wróbel - Sperling
lostoweica - jaskolica - łastojčka - jaskółka - Schwalbe
ghjuzda - gwězda - hwězda - gwiazda - Stern
gréch - grěch - hrěch - grzech - Sünde
šlawak - cłowjek - čłowjek - człowiek - Mensch
glaw - głowa - hłowa - głowa - Kopf
wlasa - włose - włosy - włosy - Haare
dajse - duša - duša - dusza - Seele
seiti - žyto - žito - żyto - Korn (Getreide)
breza - brjaza - brěza - brzoza - Birke
gleino - glina - hlina - glina - Ton (Lehm)
gord/gard - grod - hród - gród - Schloss (Burg)
golongsaj - gałuzy - hałuzy - gałązie - Zweige (Äste)
jujadoj - jagody - jahody - jagody - Beeren

Die Wortbetonung ist im Drawehnischen variabel, d.h. sie springt je nach Anzahl der Wortsilben, wie Olesch in einer Arbeit zum drawehnischen Wortakzent aufzeigt. (25)

Quelle (25) Reinhold Olesch "Der dravaenopolabische Wortakzent" Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Franz-Steiner-Verlag GmbH, Wiesbaden, 1973.

Ein prägendes Merkmal des Drawehnischen sind auch die Nasallaute, ähnlich dem Polnischen, da es sich um eine lechische Sprache (obodritisch, lutizisch, kaschubisch, polnisch) handelt (somit drawehnisch = obodritisch). Das Kaschubische scheint hierbei von allen wendischen Sprachen dem Drawehnisch-Obodritischen besonders nahe zu stehen.
Das Drawehnisch-Obodritisch-Wendische war in seiner Endphase z. T. sehr stark von (nieder)deutschen Lehnwörtern durchsetzt, wie wir es analog bei den deutsch-wendischen Misch-Sprachgepflogenheiten der Sorbisch-Schriftsprachenunkundigen in der Lausitz heute beobachten können.
Es fehlte leider jegliches Verständnis dafür, die Sprache zu bewahren, weiterzuentwickeln, vor allem schriftsprachlich zu fixieren und in den Kreis der Literatursprachen zu heben. Möglich wäre dies m. E. selbst jetzt noch, zumindest in bescheidenem Umfang:
Zur Oster-Ausstellungseröffnung 2001 im Wendischen Museum/Serbski muzej in Cottbus/Chóśebuz wurde den Gästen ein Programm in drawehnisch-wendischer Sprache dargeboten. Die niedersorbisch-wendische Folkloregruppe "Łokaśina" aus Lübbenau/Lubnjow sang das einzige erhalten gebliebene Volkslied "Katy més Ninka bayt?" ("Wer soll die Braut sein?"), welches 1711 von Pfarrer Hennig aufgezeichnet worden war, in Originalsprache. Daran knüpfte sich eine kurzweilige humoreske Spielszene in drawehnisch-wendischer Sprache von Werner Meschkank (* 1956) aus Cottbus/Chóśebuz. Das kurze Programm wurde im Oktober 2002 nochmals zu einer Slawistentagung, organisiert von der niedersorbischen Zweigstelle des Sorbischen Instituts e.V./Serbski institut z. T. in Cottbus/Chóśebuz, vor 25 Slawisten/Linguisten aus elf Ländern gezeigt. Unter diesen waren einige, die das Drawehnische passiv verstanden und gleichsam begeistert waren, wie kommunikativ und lebendig die vor 250 Jahren ausgestorbene Sprache wirkte.
Das drawehnische, d.h. obodritische Wendisch wäre sehr wohl aus der Isolation des bisher allein sprachforscherischen bedingten Interesses zu holen und das Wirken von Interessenten nun in einem Mindestumfang zu fördern und zu respektieren. In den zurückliegenden gut zwei Jahrzehnten ist immerhin ein sanfter Trend zur Liberalisierung zu beobachten, was die Haltung der Bevölkerung im vormaligen obodritischen und lutizischen Gebiet gegenüber dem Wendischen angeht: z. B. Groß Raden, Teterow, Museumsdorf Düppel, Ukranenland Torgelow, Arkona/Rügen, Slawendorf Passenthin, Slawendorf Neustrelitz, Museumshof Oldenburg in Holstein.
Die Bemühungen, Wissen über dieses slawische Kulturgut und den slawischen Teil der Geschichte Deutschlands zu erlangen, sind sehr vielfältig gefächert (vor allem Lebensweise und Handwerke: Viehzucht, Trachten, Keramik, Hausbau, Schiffbau, Burgwälle, heidnische Tempel der Slawen etc.), sie erstrecken sich aber bislang leider in nur sehr geringem Umfang auf die Bereiche Sprache und Musikkultur.
Der deutschen Gesamtbevölkerung der BRD wird in Schulen oder Medien leider kaum etwas über das Slawische an der Historie Deutschlands vermittelt, obwohl sich dieses - zum Teil anteilig, zum Teil flächendeckend - über elf der heute 16 deutschen Bundesländer erstreckt. Die Menschen sind deshalb kaum in der Lage, diesen Teil der slawisch-deutschen Geschichte und die westslawischen Sprachen und Kulturen auf ihrem Gebiet als einzigartigen Teil der eigenen Vergangenheit oder Identität zu erkennen.

Veneti
(2) bronzowa medalja z Pyrzyc; wobraz pokazujo słowjańskego wójwodu Wratislawa I. Pómórskego a nimskego biskopa Otto von Bamberg; medalja jo se wudała w lěśe 1824 na 700. jubilej kśesćijanizacije łutykskich Słowjanow w Pómórskej;
Bronzemedaille aus Pyritz; das Bild zeigt den wendischen Herzog Wratislaw I. von Pommern und den deutschen Bischof Otto von Bamberg; die Medaille wurde herausgegeben im Jahre 1824 auf das Jubiläum 700 Jahre Christianisierung der Wenden in Pommern.


Gibt es noch Hoffnung für die Wenden in der Lausitz?
Von mehreren Dutzend westslawischen Stämmen, die in den Machtbereich des deutschen Feudalstaates gerieten, gelang allein den Lausitzer Sorben (Wenden) bis heute das ethnische Überleben, obwohl sie bereits lange vor den Obodriten und Lutizen gewaltsam ins deutsche Feudalreich einverleibt worden waren. Ein geschichtliches Wunder! Es darf allerdings bei aller Freude, dass zwei von einst Dutzenden wendischen Sprachen, Mundarten und Kulturen im heute deutschsprachigen Raum unter zumeist schlechten Bedingungen überlebten, nicht übersehen werden, dass auch diese beiden sorbischen (wendischen) Sprachen in ihrem weiteren Bestand bedroht sind. Für das Niedersorbische in der Niederlausitz wurde nach einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung von 1993-1995 sogar eine nur noch wenige Jahre betragende Restzeit prognostiziert. Die heutigen, zum Teil auch von deutscher Seite aus ehrlicher Sorge und mit der Absicht aufrichtig gemeinter Förderung getroffenen Maßnahmen gegen das Sprachensterben können die vielen aus der Vergangenheit stammenden, negativ wirkenden, ungünstigen Bedingungen bisher keinesfalls wettmachen. Wer die letzten niedersorbischen (wendischen) Muttersprachler noch erleben möchte, müsste sich deshalb möglichst bald auf die Reise in die Lausitz begeben. Denn zweieinhalb Jahrhunderte nach dem Aussterben des Drawehnisch-Wendischen im Hannoverschen Wendland (im Bundesland Niedersachsen, Westdeutschland) ist der Sprachentod auch für das Niedersorbisch-Wendische in der Niederlausitz (Bundesland Brandenburg, Ostdeutschland) akut und für das Obersorbisch-Wendische (Freistaat Sachsen, Ostdeutschland) mittelfristig zu befürchten.
Interessenten an der weiteren Existenz der autochthonen Wenden in Deutschland sollten indes nicht allein ihre Faszination kundtun, dass es die Lausitzer Sorben (Wenden) überhaupt noch gibt, sondern sich gut informieren und - mit dem Ziel der Rettung der Sprache(n) - helfen, konkrete Bedingungen zu schaffen. Noch sind die letzten beiden verbliebenen autochthonen wendischen Sprachen und Kulturen Deutschlands lebendig und mit vertretbarem Aufwand zu retten. Doch nur, wenn mit gutem Willen die nötigen Bedingungen dafür geschaffen werden. Es wäre eine große Kulturtat für Europa!
Einst siedelten auf dem Territorium von 11 der heutigen 16 Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland flächendeckend bzw. regional anteilig autochthone Slawen, die von den Deutschen „Wenden" genannt wurden. Tausende slawische Orts- und Familiennamen in Deutschland bezeugen dies bis heute. Das Slawische (Wendische) gehört also unteilbar mit zur Geschichte und Ethnogenese des deutschen Volkes. Es gilt, dies der Bevölkerung bewusst zu machen und mit großer Sorgfalt noch bessere Maßnahmen zu ergreifen, damit die letzten Nachkommen der autochthonen wendischen Ureinwohner nicht von der ethnischen Karte Europas verschwinden.
Der im März dieses Jahres verstorbene große sorbische Schriftsteller Jurij Brězan (1916 - 2006) schrieb einen hoffnungsvollen Satz über das Verhältnis des großen deutschen Volkes zum kleinen sorbischen (wendischen) Volk: „Wenn die Deutschen lernten, in ihrer Größe mit uns, den wenigen, von gleich zu gleich zu leben: Welch ein neues Bild von Deutschland sähe die Welt!" (26)

Quelle (26) http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20060408.