mt_ignoreDas Buch The Making of the Slavs [1], geschrieben von Prof. Dr. Florin Curta, wurde mit dem Herbert Baxter Adams Ehrenpreis von der American Historical Association für das Jahr 2002 ausgezeichnet. Dieser Preis wird für ein herausragendes Werk eines jüngeren Gelehrten im Feld der europäischen Geschichte verliehen.
 
 
 
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Autor: Robert Petrič
Lektor: Günter Wermusch

Florin Curta ist außerordentlicher Professor für Mittelalterliche Geschichte und Archäologie an der Universität von Florida. Er studierte Geschichtsphilosophie an der Universität von Bukarest, Mittelalterliche Studien an der Cornell Universität (Ithaca) und machte sein Doktorat für Geschichte an der Western Michigan Universität (Kalamazoo). Dazu war er als archäologischer Oberaufseher bei den Ausgrabungsarbeiten für das Institute of Archaeology "Vasile Pârvan" (Bukarest) tätig. Prof. Curta schrieb zahlreiche Fachaufsätze und mehrere Bücher mit dem Schwerpunkt Südosteuropa (weitere Informationen stehen auf seiner Webseite: http://www.clas.ufl.edu/users/fcurta; 5. 2. 2008). Curtas Leistungen in Geschichte und Archäologie, wie sie in diesem umfangreichen Buch präsentiert sind, bieten einen neuen methodologischen Ansatz zu Forschungen über das frühmittelalterliche Südosteuropa.


Die Herausbildung der sklavenischen Völkerschaft

Das Buch repräsentiert einen völlig neuen Ansatz zum Thema Herkunft der Slawen. Curtas Projekt besteht darin, dass die »frühmittelalterliche Ethnizität /Volkstum/ in gebietskörperschaftliche Verhältnisse eingebaut wurde, so wie es bei der modernen Ethnizität ist. Ethnizität war gesellschaftlich und kulturell konstruiert, eine Form der gesellschaftlichen Mobilisierung, die dem Erreichen bestimmter politischer Ziele diente.« (S. 34)

Man könnte davon ausgehen, dass das Problem der sklavenischen (diesen Terminus verwende ich vorsätzlich) Ethnizität Resultat einer Sonderentwicklung der sprachlichen Ethnogenese /Nationwerdung/ war. Auf der anderen Seite gab es viele Volkstämme, deren politische (ethnos) oder militärische (Volk; folk, fulca, pulkas) Gruppenbildungen als Basis für größere ethnische Gemeinschaften dienten. Deswegen wurde in letzen Jahrhunderten ein Terminus »Slawen« gebildet, der unkritisch für die Bezeichnung vieler Völkerschaften und Gebiete gebraucht wurde. Um dies zu vermeiden, verwendet Curta verschiedentlich den Terminus Sklavenen, eine Bezeichnung, die im frühen Mittelalter am häufigsten gebraucht wurde.

Curta findet eine originelle Lösung für das Problem der Existenz von Sklavenen vor dem 6. Jahrhundert: »Statt einer großen Flutwelle von  Slawen aus den Pripetsümpfen, sehe ich eine Form von Gruppenidentität, die man kaum als Ethnizität bezeichnen kann, und die als Reaktion auf den Beginn von Justinians  Bauprojekt an der Donaugrenze im Balkan erschien. Anders gesagt, kamen die Slawen nicht von Norden, sondern sie wurden erst im Kontakt mit der römischen Grenze zu Slawen.« (S. 3)

Einfacher gesagt: Ein wesentlicher Faktor waren die Bedingungen, die die Herausbildung der sklavenischen ethnischen Gesellschaft bestimmte. An eine slawische Geschichte vor dem 6. Jahrhundert möchte Curta nicht einmal denken: »Auch wenn ich jenen zustimme, die dafür halten, dass die Geschichte der Slawen im 6. Jahrhundert begann, meine ich, dass die Slawen eine Erfindung des 6. Jahrhundert sind. Eine Erfindung, die jedoch sowohl die Vorstellung und Etikettierung von Außenstehenden wie auch die Selbstidentifikation voraussetzt.« (S. 335)

Mit anderen Worten: Die Vorfahren der Sklavenen auf der Balkanhalbinsel waren schon vor dem 6. Jahrhundert präsent, obwohl noch nicht als geschichtlich formierte und ethnisch kompakte Gesellschaft. Dürfen wir also davon ausgehen, dass protoslawische Sprachen in diesen Gebieten (Südosteuropa) schon lange vor dem 6. Jahrhundert gesprochen wurden? Das wäre logisch. Curta schreibt: »Das Gemeinslawische mag als eine lingua franca innerhalb  und außerhalb des awarischen Khaganats gebraucht worden sein /.../ wir können davon ausgehen, dass Herzog Raduald in Friaul die slawische Sprache erlernte. Seine slawischen Nachbarn aus dem Norden sprachen offensichtlich dieselbe Sprache wie die dalmatinischen Slawen.« (S. 345)

 

Sklavenische Wanderungen?

Natürlich interessiert uns vor allem die sklavenische (venetische) Ethnogenese. Curta sagt es direkt: »Unsere heutige Kenntnis von der Herkunft der Slawen /ist/ großenteils ein Erbe des 19. Jahrhunderts. Das wissenschaftliche Vorgehen war unentwirrbar mit der Verfälschung nationaler Identitäten verbunden /…/« (S. 6)

Er fordert den Leser heraus: »sich von dem migrationistischen Modell, das die Disziplin der slawischen Archäologie von Anfang an dominierte, zu lösen.« (S. 307). Die Kombination von geschichtlichem und archäologischem Herangehen, wäre ein wesentliches Moment, das den Autoren die nötige Freiheit für die Revision des stark verwurzelten Modells von der slawischen Massenmigration im 6. Jahrhundert gäbe.

Nach Curta, gab es unter den Sklavenen im 7. Jahrhundert keinerlei »obskures Vorrücken« mit mehr oder weniger beständigem Wechsel der Wohnsitze. Leider gibt es andererseits keinerlei Belege dafür, wann die ersten sklavenischen Vorfahren diese Gebiete besiedelten. Wir können lediglich darauf schließen, dass die Protoslawen im Balkangebiet ein vorrömisches Phänomen waren. Das bestätigt auch Curta: »Ich begann dieses Kapitel mit der Aussage, dass die Art und Weise der slawischen Ansiedlungen vielen Historikern obskur bleibt. Manche Schlüsse ergeben sich aus der vorherigen Diskussion, das wichtigste aber ist, dass – gleich, ob von einer realen Ansiedlung gefolgt oder nicht – es keine ’Infiltration’ und kein obskures Vorrücken gab. Das Zeugnis der Schriftquellen zu diesem Thema ist eindeutig. /.../ Nimmt man das Konzept von der Migration der Slawen im sechsten oder siebenten Jahrhundert, dann zeigt sich das Problem, dass es für eine so einzigartige, kontinuierliche und plötzliche Invasion kein vergleichbares Muster gibt. Darüber hinaus findet sich bis zur Belagerung von Thessaloniki in den ersten Jahren von Heraklius’ Herrschaft keinerlei Beweis für eine Migration von außen im Sinne eines permanenten Wohnsitzwechsels /.../ Johannes /von Ephesos/ bestand darauf, dass es Krieger waren, keine nomadisierenden Bauern..« (S. 113)

Weder bei den Sklavenen im Norden, noch bei denen im Süden (bis zur Ägäis) gab es im 6. Jahrhundert Wanderungsbewegungen.

 

Archäologische Beweise

Curta meint, es gebe auch hinreichende archäologische Beweise, die dem Migrationsmodell widersprechen: »Das Fundgut aus Gebieten am Unterlauf der Donau, wohin dem Migrationsmodell zufolge die Slawen aus den Pripetsumpfen einwanderten, datiert lange vor dem frühest bezeugten Material, das in der angeblichen Urheimat gefunden wurde.« (S. 337)

Es wäre nun interessant zu erfahren, um welches »Material« am Unterlauf  der Donau es sich handelt. Wie wir sehen, gibt es nicht nur neue Beweise, sondern auch neue Interpretationen, die der Auffassung von einer Massenmigration widersprechen: »"Kulturen", wie ein Archäologe feststellte, "wandern nicht. Es ist häufig nur eine sehr eng definierte, zielorientierte Untergruppe, die wandert." Deshalb ist es Unsinn, von der Prager Kultur als von einer Kultur migrierender Slawen zu sprechen.« (S. 307)

Leider basieren auch moderne archäologische Forschungsarbeiten in Slowenien auf fragwürdigen Ansätzen. In einem Beitrag von Prof. Mitja Guštin lesen wir: »Die Reste einer weiträumigen frühmittelalterlichen Siedlung in Nova tabla bei Murska Sobota zählen wir zu wichtigsten Belegen für die slawische Besiedlung von Ende des 6. bis zum 9. Jahrhundert.« [2] Die Prager Kultur wird von der modernen Geschichtsschreibung als einer der Hauptbelege für die Migration präsentiert, Curta bezeichnet das kurzerhand als  »Unsinn«. Er verweist auf andere Völkerschaften, die Träger dieser Kultur waren: »Solche Töpfe wurden rasch als slawische Töpferware vom Prager Typus klassifiziert und versucht, damit die bei Prokop erwähnte Geschichte von Hildigis und seinem Gefolge von sklavenischen Kriegern zu illustrieren (siehe Kapitel 3). Ähnliche Töpfe erscheinen immerhin in zeitgenössischen Kindergräbern östlich von der Theiß in “Gepidien.”.« (S. 193)

Auch was die sogenannten Grubenhäuser anbelangt, sollten wir vorsichtiger sein: »Archäologen /.../ teilen "Gepidia" in drei Gebiete: die Theiß-Ebene, das nördliche Serbien, und Transsylvanien. Größere Siedlungen aus dem 6. Jahrhundert, ausgegraben in Transsylvanien, weisen Grubenhäuser auf. /.../ Solche Bauten gab es auch  in zeitgenössischen Siedlungen in Mittel- und Westeuropa. Die frühesten, aber auch reichsten Gräber, auf die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datiert, fand man ebenfalls in Transsylvanien. Herrschaftliche Gräber, oft mit kostbaren Beigaben,  deuten auf die Existenz eines Machtzentrums hin, vielleicht auf das wichtigste in dem Gebiet während des halben Jahrhunderts nach dem Untergang des hunnischen Imperiums von Attila.« (S. 194)

Interessanterweise meint Douglass W. Bailey in Balkan Prehistory [3], dass den Grubenhäusern ähnliche Bauten im Balkan eine einfache und ständige Wohnform waren, die sich mindestens bis 6500 v. C. zurückverfolgen lässt. In der Tat gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass archäologische Besonderheiten Hinweise auf Migrationen einer Gemeinde liefern. Curta sagt: »Die Verteilung von Hortfunden im Balkan zeigt am besten, dass weite Gebiete in den westlichen sowie zentralen Teilen überhaupt nie mit Invasionen in Berührung kamen.« (S. 170)

Er beweist, dass die Verteilung und Häufigkeit der sogenannten Münzhorte keineswegs die Migrationstheorie stützen: »Die Verteilung der Hortfunden des 6. Jahrhunderts  in den Balkanländern offenbart eigentlich einen verblüffenden Unterschied zwischen den zentralen Regionen, wie Serbien und Makedonien, und den östlichen Provinzen inklusive der Diözese von Thrakien. Mit nur einer Ausnahme gibt es im östlichen Balkan keinen Schatzfund mit einem terminus post quem vor dem Jahr 600.« (S. 171)

Folglich verlangen auch die Münzhorte neu interpretiert zu werden. Curta erwägt, dass diese Funde Resultat der in sich geschlossenen byzantinischen Wirtschaft sein könnten. Beispielsweise dürften Schatzfunde von fünf bis neun Solidi auf die »Präsenz der römischen Armee und nicht auf awarische oder slawische Angriffe hinweisen.«. (S. 178)

Des weiteren waren es nicht nur falsche Interpretationen, sondern auch ungenaue Datierungen und verzerrte Methoden, die das Migrationsmodell in die Sackgasse brachten. Im Kapitel DATING THE CHANGE: WHERE WERE THE EARLY SLAVS? (S. 228-235) erwähnt Curta  »schwerwiegende methodologische Verzerrungen« und falsche Datierungen in den archäologischen Ansätzen bezüglich der Migration der Slawen, und das sogar auf „griechischem Gebiet«. Diese Argumente erscheinen als ein weiterer schwerer Schlag gegen die Migrationstheorie.

Mit diesen und anderen Beweisen fordert Curta die Wissenschaftler auf, die Migrationskonzepte zu überprüfen. »Erstens gibt es schon genug Beweise, um sich von dem Migrationsmodell zu lösen /…/ Die Abkehr vom Migrationismus ist schon deshalb notwendig, weil sich die zur Verfügung stehenden Daten mit keinem der derzeitigen Modelle für das Studium (vor)geschichtlicher Wanderungsbewegungen vereinbaren lassen. Allzu oft wurden kulturelle Übereinstimmungen mit Begriffen von einer lang andauernden Migration erklärt, obwohl es an einem klaren Konzept, das uns auf die Erklärung solcher Migrationen führen würde, fehlt.« (S. 307)

 

Sklavenen - Veneter - Wenden?

Überraschend erscheint Curtas bereits im ersten Kapitel seines Buches gefälltes Urteil, was die Verbindung zwischen Sklavenen und Veneter anbelangt.  »Die archäologische Forschung hat bereits eine enorme Menge von Beweisen für die Idee geliefert, dass die Venether Slawen waren.« (S. 13)

Der Misserfolg bei dem Versuch, zwischen verschiedenen Gruppen der Veneter zu unterscheiden, hat jedoch eine Basis. Sie weist auf eine mögliche Verbindung zwischen baltischen und adriatischen Wenden (oder Winden) hin. Falls eine solche Verbindung existierte, dann sollte die irgendwie offensichtlich sein. Und dass ist  der Fall in heutigen wendischen Ortsnamen (Wendisch, Windisch, Venediger), die als Relikte einstiger venetischer Siedlungen und deren Verbindungen erscheinen.

 

Curta analysiert Jordanes, was die Veneter anbelangt: »Jordanes nennt  ein und denselben Fluss Viscla, wo er sich auf die Sklavenen bezieht, und Vistula, wenn er von den Venethern spricht. Das wurde als Indiz für zwei verschieden Quellen interpretiert. Im Fall der Venether dürfte die Quelle eine ähnliche wie die der Geographika des Ptolemäus sein. Ebenso wäre es möglich, dass Jordanes hier von Tacitus inspiriert war, weil auch er die Venether mit den Aesten verbindet.« (S. 40)

Auf der nächsten Seite (S. 41) teilt Curta die Veneter mit dem folgenden Argument auf: »Im "Katalog der Nationen" /aus Jordanes' Getica/, erfahren wir, dass die Venether "vorzugsweise Sclaveni und Antes" genannt wurden, was nur bedeuten könnte, dass die Venether in zwei Kategorien aufgeteilt waren: Sklavenen und Anten.« Das scheint eine Frage der Interpretation zu sein und die sollte man besser dem Leser  überlassen. Dennoch liefert Curtas Analyse der Berichte aus dem Fredegar und aus Bobbios Buch solide Schlüsse: »Fredegar hatte zwei augenscheinlich äquivalente Ausdrücke für dieselbe Ethnie: Sclauos coinomento Winedos. Es gibt Varianten von beiden Namen, solche wie Sclavini oder Venedi. Die 'Wenden' erscheinen nur im politischen Kontext: die Wenden, nicht die Slawen, waren die befulci  der Avaren; die Wenden, nicht die Slawen, machten Samo zum König. Es ist deswegen möglich, dass 'Wenden' and 'Sklavenen' eine spezifische soziale und politische Konfiguration bezeichnen, in der solche Konzepte wie Staat und Ethnizität relevant sind, wobei 'Slawen' ein generelleres Kennzeichen ist, das eher in einem territorialen als in ethnischem  Sinn gebraucht wurde. 'Wenden' und 'Slawen' waren bereits  im Gebrauch, als Fredegar das Buch IV schrieb. Erstmals erscheinen sie in Jonas von Bobbios Leben des  St. Columbanus ([termini]Venetiorum qui et Sclavi dicuntur), geschrieben irgendwann zwischen 639 und 643. Nach Jonas, hat Columbanus einmal gedacht, er werde den Wenden, die Slawen genannt wurden, predigen.« (S. 60)

Das ist eine interessante Darstellung und Interpretation des Textes, wonach Curta nochmals bestätigt, dass die mittelalterlichen Autoren doch nicht falsch lagen.

 
Überraschung in der Wissenschaft?

Vorläufer Curtas zeigten schon schon ähnliche Ansätze. Der britische Archäologe Colin Renfrew meinte, dass archäologische Forschungen allein keine Beweise für kulturelle und linguistische Änderungen in Europa liefern können. [4] Da gibt es auch noch andere moderne Werke, wie etwa Unsere Vorfahren - die Veneter (M. Bor, J. Šavli, I. Tomažič, 1988) und Origini delle lingue d'Europa (M. Alinei, 1996, 2000). Das erstgenannte, nicht von sogenannten Fachexperten verfasste Buch liefert eine Unmenge von linguistischen und historischen Argumenten, die bestätigen, dass: »die Ansiedlung der sogenannten Alpenslawen im erwähnten Zeitraum /6. Jahrhundert/ durch keine geschichtliche Quelle nachgewiesen werden kann. Es handelt sich also nach wie vor um fiktive Behauptungen, die ständig wiederholt werden, ohne daß jemand sie kritisch erörtern und begründen würde.“ (S. 17)

In dem zweiten Werk, verwendet Mario Alinei ein linguistisches Argument: »Ich muss damit anfangen,  eine der absurdesten Konsequenzen der traditionellen Chronologie auszuräumen , nämlich die von der 'Einwanderung' der Slawen  in das immense Gebiet, in dem sie jetzt leben

Prof. Florin Curta hat gute Kenntnisse in deutscher, französischer, englischer, rumänischer, italienischer, russischer, bulgarischer, tschechischer, altgriechischer und lateinischer Sprache. Das kann nur ein grosser Vorteil für solch umfangreiche Forschungsarbeit sein, da er so ein breiteres Spektrum der Fachliteratur zur Verfügung hat. Vielleicht waren sprachliche Fähigkeiten auch wesentlich für das, was Curtas erfolgreiche Kritik auf manche traditionelle oder national-linguistische Theorien ausgeübt hat.

 
Schlussbemerkung

The Making of the Slavs ist ein empfehlungswertes Buch für jeden Forscher, der sich mit der Herkunft der Slawen beschäftigt. Das Werk löst sich von den Kernpunkten, die das Modell der frühmittelalterlichen Wanderungsbewegung stützen, und bietet ein anderes Szenarium an. Es liefert einen konservativen und dennoch fortschrittlichen Blick auf die Herkunft der Europäer. Leider kam es über diese Arbeit in wissenschaftlichen Kreisen zu keiner nennenswerten Diskussion – es   war halt bequemer, Curtas Konzepte zu ignorieren. So bleibt nur zu hoffen, dass er in seinem Bemühen nicht allein bleibt; denn für den guten Ruf des Fachgebiets müssten wir die traditionellen und – wie Curta sagt – unpräzisen Modelle aufgeben, damit weiterer Schaden mit auf falschen Konzepten basierenden Theorien vermieden wird. Dieses Buch ist für die Gelehrten, die  »Unsere heutigen Kenntnisse über die Herkunft der Slawen« entwickeln oder revidieren möchten, ein sehr interessantes Werk!

Prof. Curta arbeitet zur Zeit an dem Projekt einer Serie über die Geschichte  Griechenlands, die von großem Interesse für Forschungen über die Geschichte Mazedoniens sein könnte.

Schließlich möchte ich noch hinzufügen, dass in jüngster Zeit zahlreiche genetische Studien über die Struktur der alteuropäischen Populationen angestellt wurden (http://www.maknews.com/html/articles/skulj/origin_of_the_slavs.html; 3. 2. 2008). Joseph Skulj gelangte zu dem Schluss, dass »die Abwesenheit des HG16 /genetischer Marker/ in der männlichen Population der Pannonischen Ebene und in Slowenien, Kroatien, Serbien, Rumänien sowie im Balkan /…/, die Theorie der Migration der ‘südlichen’ Slawen vor 1500 Jahren aus den Karpaten in die heutigen Gebiete widerlegt. Träfe das zu, dann hätten sie den genetischen Marker HG16, der häufig nördlich und nordöstlich von den Karpaten (in Polen, Russland und in der Ukraine) verbreitet ist [5] Zu derlei Untersuchungen liefert Curta leider keine Stellungnahme.

 
Literatur

[1] Florin Curta, The Making of the Slavs: History and Archaeology of the Lower Danube Region c. 500-700, Cambridge, UK 2001, Cambridge University Press, ISBN 0 521 80202 4.

[2] M. Guštin, Starejša bronasta doba v Prekmurju. Horizont pramenaste (litzen) lončenine; v: Zbornik soboškega muzeja 8 [uredil Janez Balažic] - Murska Sobota: Pokrajinski muzej Murska Sobota, 2005, S. 86.

[3] Douglass W. Bailey, Balkan Prehistory, Routledge, London, New York 2000.

[4] Colin Renfrew, Archeology and Language, I Cape Ltd., London 1987, in: Proceedings of the First International Topical Conference The Veneti within the Ethnogenesis of the Central-European Population, Jutro, Ljubljana 2002, 24-34 (ISBN 961-6433-06-7).

[5] Joseph Skulj, Y-Chromosome Frequencies and the Implications on the Theories relating to the Origin and Settlement of Finno-Ugric, Proto-Hungarian and Slavic Populations, Proceedings of the Fifth International Topical Conference Origin of Europeans, Jutro, Ljubljana 2007, 39 (ISBN 961-6433-83-9).

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P. S. Folgendes ist eine Liste anderer Publikationen von Curta, die die slawische Ethnogenese betreffen:

Tworzenie Slowian. Powrót do slowianskiej etnogenezy." In Nie-Slowianie o poczatkach Slowian. Edited by Przemyslaw Urbanczyk, pp. 27-55 and 157-164. Poznan/Warsaw: Poznanskie Towarzystwo Przyjaciól Nauk/Instytut Archeologii i Etnologii Polskiej Akademii Nauk , 2006, 1. 2. 2008.

"Frontier ethnogenesis in Late Antiquity: the Danube, the Tervingi, and the Slavs." In Borders, Barriers, and Ethnogenesis. Frontiers in Late Antiquity and the Middle Ages. Edited by Florin Curta (Studies in the Early Middle Ages, 12), S. 173-204. Turnhout: Brepols, 2005.

"Barbarians in Dark-Age Greece: Slavs or Avars?" In Civitas Divino-Humana. In honorem annorum LX Georgii Bakalov. Edited by Tsvetelin Stepanov and Veselina Vachkova, S. 513-550. Sofia: Centar za izsledvaniia na balgarite Tangra TanNakRa IK, 2004., 1. 2. 2008.

"From Kossinna to Bromley: ethnogenesis in Slavic archaeology." In On Barbarian Identity. Critical Approaches to Ethnicity in the Early Middle Ages. Edited by Andrew Gillett (Studies in the Early Middle Ages, 4), s. 201-218. Turnhout: Brepols, 2002, 1. 2. 2008.

"The 'Prague type'. A critical approach to pottery classification." In Hoi skoteinoi aiones tou Byzantiou (7os-9os ai.). The Dark Centuries of Byzantium (7th-9th c.). Ed. by Eleonora Kountoura-Galake (Diethne Symposia 9), S. 171-188. Athens: National Hellenic Research Foundation, Institute for Byzantine Research, 2001.

"The Slavic lingua franca (Linguistic notes of an archaeologist turned historian)." East Central Europe/L'Europe du Centre-Est 31 (2004), no. 1: 125-148, 1. 2. 2008.

 

The Making of the Slavs - deutsch (Conference in Potsdam)

 

The Making of the Slavs - slovensko

 
The Making of the Slavs - English

 
The Making of the Slavs - deutsch (Conference in Potsdam)